Zwei Arten von Englisch, eine Bibliothek
Wenn du klassische Literatur auf Englisch liest, fällt dir schnell auf, dass dieselbe Sprache nicht immer gleich aussieht – oder klingt. Ein Roman schreibt *colour*, ein anderer schreibt *color*. Eine Figur nimmt den *lift*, eine andere den *elevator*. Vielleicht fragst du dich, ob du die falsche Variante gelernt hast oder ob eine davon "korrekter" ist als die andere.
Die ehrliche Antwort lautet: Keine der beiden Varianten ist falsch. Britisches und amerikanisches Englisch sind zwei voll entwickelte, international anerkannte Standards. Die Unterschiede zwischen ihnen liegen meist an der Oberfläche – ein paar Schreibmuster, eine Handvoll ausgetauschter Wörter und einige grammatische Vorlieben. Darunter sind Grammatik, Rhythmus und Reichtum dieselbe Sprache. Die Bibliothek bei The Reading Corner enthält sowohl britische als auch amerikanische Autoren, daher begegnen dir beim Lesen ganz natürlich beide Varianten.
Du musst dich nicht für eine Seite entscheiden. Wer sich mit britischem und amerikanischem Englisch gleichermaßen wohlfühlt, hat einen echten Vorteil: Man kann die gesamte Bandbreite klassischer und moderner Literatur lesen, ohne ins Stolpern zu geraten. Betrachte die Unterschiede als Wortschatz zum Sammeln, nicht als Fehler, über die man sich Sorgen machen muss.
Unterschiede in der Schreibweise, die dir auffallen werden
Am deutlichsten sind die Unterschiede in der Schreibweise. Hier sind die wichtigsten Muster, veranschaulicht mit echten Wortpaaren:
-our vs. -or
Britisches Englisch behält die ältere, vom Französischen geprägte Schreibweise mit *-our* bei: *colour*, *honour*, *favour*, *neighbour*. Amerikanisches Englisch hat das *u* fallen lassen: *color*, *honor*, *favor*, *neighbor*. Die *-our*-Schreibweise begegnet dir bei Jane Austen, Charles Dickens und Thomas Hardy ständig. Die *-or*-Schreibweise findest du bei Mark Twain, Edith Wharton und F. Scott Fitzgerald.
-ise vs. -ize
Viele Verben enden im britischen Englisch auf *-ise* – *recognise*, *apologise*, *organise* – und im amerikanischen Englisch auf *-ize* – *recognize*, *apologize*, *organize*. (Hinweis: Die Endung *-ize* ist auch im britischen Englisch weithin akzeptiert, daher kannst du beide sogar innerhalb desselben britischen Textes sehen.) Wenn du bei The Reading Corner auf das Wort tippst, ist die Definition dieselbe, egal welche Schreibweise du vor dir hast.
-re vs. -er
Britisches Englisch dreht die Endung in Wörtern wie *centre*, *theatre*, *metre* und *fibre* um. Amerikanisches Englisch verwendet *center*, *theater*, *meter* und *fiber*. Dieses Muster taucht häufig in Beschreibungen von Schauplätzen und Orten in britischen Romanen des 19. Jahrhunderts auf.
Verdoppelte Konsonanten und andere kleine Unterschiede
- *travelled* (britisch) vs. *traveled* (amerikanisch)
- *programme* (britisch) vs. *program* (amerikanisch)
- *tyre* (britisch, der Gummi auf einem Rad) vs. *tire* (amerikanisch)
- *grey* (britisch) vs. *gray* (amerikanisch)
- *catalogue* (britisch) vs. *catalog* (amerikanisch)
Keines dieser Paare ändert die Bedeutung eines Satzes. Sobald du das Muster erkennst, verlangsamt sich dein Lesetempo überhaupt nicht.
Unterschiede im Wortschatz – dasselbe Ding, ein anderes Wort
Unterschiede im Wortschatz sind interessanter, weil dasselbe Objekt oder dieselbe Idee einen völlig anderen Namen trägt. Diese können einen Leser wirklich verwirren, wenn sie ohne Kontext auftauchen. Hier sind die häufigsten, denen du in klassischen und frühneuzeitlichen Texten begegnest:
- *lift* (britisch) vs. *elevator* (amerikanisch) – die bewegliche Kabine in einem Gebäude
- *autumn* (britisch) vs. *fall* (amerikanisch) – die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter
- *flat* (britisch) vs. *apartment* (amerikanisch) – eine Wohnung in einem größeren Gebäude
- *pavement* (britisch) vs. *sidewalk* (amerikanisch) – der Fußweg neben der Straße
- *biscuit* (britisch, ein trockenes, süßes oder schlichtes Gebäck) vs. *cookie* (amerikanisch)
- *post* (britisch) vs. *mail* (amerikanisch) – Briefe und Pakete, die nach Hause geliefert werden
- *chemist* (britisch) vs. *drugstore* oder *pharmacy* (amerikanisch) – wo man Medikamente kauft
- *holiday* (britisch, im Sinne von Urlaub) vs. *vacation* (amerikanisch)
- *lorry* (britisch) vs. *truck* (amerikanisch) – ein großes Fahrzeug zum Transport von Waren
- *underground* oder *tube* (britisch) vs. *subway* (amerikanisch) – ein städtisches Bahnsystem, das unterirdisch verläuft
In der klassischen Literatur tauchen viele dieser Wörter in alltäglichen Szenen auf: Eine Figur gibt einen Brief auf, nimmt den lift oder fährt in den Urlaub. Wenn ein Wort dich stoppt, tippe darauf, um eine Definition zu erhalten. Die Wissenschaft hinter The Reading Corner erklärt, warum es eine der wirksamsten Methoden ist, neuen Wortschatz aufzunehmen, wenn man Wörtern im Kontext begegnet – während gleichzeitig die Audioaufnahme läuft.
Unterschiede in Grammatik und Redewendungen
Die grammatischen Unterschiede zwischen britischem und amerikanischem Englisch sind gering, aber einige tauchen in klassischen Texten regelmäßig auf.
Have got vs. have
Britisches Englisch verwendet oft *have got*, wo amerikanisches Englisch *have* allein verwendet. *I have got a letter for you* (britisch) bedeutet genau dasselbe wie *I have a letter for you* (amerikanisch). Beide Formen kommen in klassischen Romanen vor, je nach Nationalität des Autors.
Sammelbegriffe
Britisches Englisch behandelt Sammelbegriffe als Plural: *The team are playing well* oder *The government have decided*. Amerikanisches Englisch behandelt sie als Singular: *The team is playing well*. Keines davon ist ein Fehler; es ist einfach eine andere Konvention. Am ehesten fällt dir das im britischen Journalismus und in Dialogen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auf.
Redewendungen und feste Wendungen
Redewendungen sind die kniffligste Kategorie, weil sie sich nicht immer aus den einzelnen Wörtern erschließen lassen. Eine britische Figur, die sagt *I'll knock you up in the morning*, meint *Ich klopfe morgen an deine Tür, um dich zu wecken* – eine völlig harmlose Wendung. Manche amerikanischen Redewendungen klingen umgekehrt für britische Ohren ungewohnt. Wenn eine Redewendung dich stoppt, betrachte sie als nützliche Entdeckung. Je mehr du liest, desto mehr entwickelst du ein natürliches Gespür für beide Varianten. Schau dir unseren Leitfaden Wie man englischen Wortschatz durch Lesen lernt für Taktiken an, die hier gut funktionieren.
Wie man beim Lesen mit den Unterschieden der Varianten umgeht
Hier sind einige praktische Strategien für das nächste Mal, wenn ein Unterschied in Schreibweise oder Wortwahl dich innehalten lässt:
- **Erst tippen, später grübeln.** Bei The Reading Corner kannst du jedes unbekannte Wort antippen und erhältst sofort eine Definition, abgestimmt auf dein Niveau. Das funktioniert für Dialektwörter, altmodischen Wortschatz und Unterschiede zwischen den Varianten gleichermaßen.
- **Nutze die Audioaufnahme.** Wenn du einen britischen Sprecher *colour* und *honour* vorlesen hörst oder einen amerikanischen Sprecher *color* und *honor* sagen hörst, prägt sich das Schreibmuster schneller ein, als wenn du eine Liste studierst. Lass die Erzählstimme das Wort verankern.
- **Führe eine kurze persönliche Liste.** Wenn dir zum ersten Mal *pavement* im Sinne von *sidewalk* begegnet, notiere es. Eine Liste mit zehn bis fünfzehn Austauschwörtern reicht völlig – danach beginnt dein Gehirn, automatisch vorauszusehen.
- **Wechsle nicht, was du lernst.** Wenn dein Englischkurs oder deine Prüfung britisches Englisch verwendet, bleib dabei. Aber wenn du zum Vergnügen liest, meide keine amerikanischen Autoren oder umgekehrt. Vielseitiger Kontakt ist ein Vorteil, kein Problem.
- **Schau dir die Nationalität des Autors an, wenn du neugierig bist.** Zu wissen, dass Mark Twain Amerikaner und Thomas Hardy Brite war, erklärt sofort eine ganze Reihe von Entscheidungen in Schreibweise und Wortschatz in ihren Büchern.
Auf höheren Niveaus (B2 und darüber) werden die Unterschiede zwischen den Varianten beim flüssigen Lesen fast unsichtbar. Wenn du auf B1 oder B2 bist und die Unterschiede dich noch verlangsamen, ist das völlig normal – gezielte Leseübung ist genau das, was diese Lücke schließt.
Beide Arten von Englisch warten auf dich
Die klassischen Bücher in der Bibliothek wurden von Autoren aus der gesamten englischsprachigen Welt geschrieben. Jane Austen und Charles Dickens schrieben auf britischem Englisch. Mark Twain und Louisa May Alcott schrieben auf amerikanischem Englisch. Beides zu lesen ist keine Komplikation – es ist eine der echten Freuden, Englisch durch Literatur zu lernen. Am Ende verfügst du über ein breiteres, flexibleres Verständnis der Sprache als jemand, der bei einer einzigen Variante bleibt.
Wenn du also das nächste Mal in einem Kapitel *colour* und in einem anderen *color* siehst, lächle. Du hast gerade eine der harmlosesten und interessantesten Tatsachen über die englische Sprache entdeckt. Beide sind korrekt. Beide gehören dir.
Bereit, das in die Praxis umzusetzen? Stöbere durch die gesamte Bibliothek und such dir ein Buch aus – ob britischer oder amerikanischer Autor, das spielt keine Rolle. Zu jedem Wort wartet eine Definition, falls du sie brauchst, und die Audioaufnahme trägt dich hindurch.